Die Nächte waren das Schlimmste

Eine Tochter berichtete:  „Die Nächte waren das Schlimmste. Wenigstens viermal mussten mein Mann oder ich aufstehen um die Mutter zu beruhigen. Mal hatte sie irgendetwas gehört, mal suchte sie verzweifelt in den Schränken herum oder sie rief nach ihrer vor 20 Jahren verstorbenen Mutter.   Irgendwann hatten wir dann erkannt, dass es leichter wurde sie wieder zu beruhigen, wenn wir uns Zeit nahmen. Anfangs ist man genervt aufgestanden und hat versucht sie möglichst schnell wieder ins Bett zu bugsieren.  Später haben wir uns das eingeteilt.  Ich bin eine Stunde später zu Bett gegangen, mein Mann eine Stunde früher aufgestanden. Sofort beim ersten Wachwerden, meistens so gegen Mitternacht, bin ich zu ihr hin und habe ihr einen Tee gebracht und sie zur Toilette begleitet. Dann haben wir uns einige Zeit zusammengesetzt, unseren „Gute-Nacht-Tee“ getrunken und erzählt. Oder wir haben Schlaflieder gesungen. Lieder, die Mutter mir früher vorgesungen hat. Nach diesem spätabendlichen Ritual hat sie fast regemäßig bis gegen 5 Uhr in der Früh geschlafen.  Dann stand mein Mann auf und nahm sie mit in die Küche, wo sie gemeinsam ein kleines Frühstück machten. Wenn sie gut drauf war, schmierte sie sogar die Brote für ihn, die er mit zur Arbeit nahm.  Bevor er aus dem Haus ist, konnte er sie in der Regel dazu bringen, nochmals für ein oder zwei Stunden ins Bett zu gehen.  Auch die Tage verliefen seitdem  entspannter.  Mutter war viel umgänglicher und ausgeglichener.  Wenn wir diese Lösung nicht gefunden hätten, wäre sie vermutlich heute im Heim.“

Unruhe in der Nacht: Ein Hauptgrund für Heimunterbringung.

Vor allem  ein gestörter Tag-Nacht – Rhythmus  bringt pflegende Angehörige regelmäßig an den Rand des erträglichen.  So dürften die nächtlichen Ruhestörungen ein Hauptgrund sein,  weshalb Töchter, Söhne, Ehepartner etc.  irgendwann nicht mehr können und einen Heimplatz suchen. Etwa 70 %  der Heimbewohner haben eine Demenz  als Haupt- oder Nebendiagnose.
In der fremden Umgebung verstärkt sich die Unruhe regelmäßig.  Kein vertrautes Gesicht, keine vertraute Stimme, unbekannte Flure mit verwirrend vielen Türen, ein ungewohntes Bett, seltsame Geräusche, verunsichern zusätzlich. Fragt man einen neu  eingezogenen Bewohner mit Demenz, ob er sich schon etwas eingelebt hat, kommen fast immer Antworten wie:  „Ich weiß ja gar nicht wo ich hier bin. Ich muss nach Hause. Hab noch soviel zu tun. Die warten auf mich. etc.“  Manche reagieren sogar richtig rabiat, wenn jemand sie daran hindern will, eine Tür zu öffnen um raus zu kommen.  „Bewohner war aggressiv  gegen Mitarbeiter,  hat sich nicht anfassen lassen.“, heißt es dann zum Beispiel im Pflegebericht.  Weil das natürlich nicht geht in einem Heim, wird der Bewohner  dem Neurologen  vorgestellt, der mit hoher Wahrscheinlichkeit eines der üblichen Neuroleptika verschreibt.  Nicht selten werden Demenzkranke die aufbegehren, in die Gerontopsychiatrie überwiesen, wo sie dann über mehrere Tage medikamentös so eingestellt werden, dass sie tagsüber zwar wach sind, aber alles gleichgültig über sich ergehen lassen.  Ihr Wille wird gebrochen, ihre Emotionen niedergedrückt.  Stumpfsinnig sitzen sie nun da, wo sie hingesetzt werden.  Darauf angesprochen entgegen die Verantwortlichen meistens:  Wir stellen hier niemanden ruhig. Diese Medikamente nehmen den seelischen Druck. Sie werden eingesetzt mit der Begründung, die Angst oder gar Panik zu dämpfen.   Unbestritten können diese Kranken in Panik geraten, wobei sie sich selbst und andere gefährden.  Wenn in solch einem Falle kurzfristig ein Neuroleptikum gegeben wird, mag das seine Berechtigung haben.  In der Weise jedoch, wie demenzkranke alte Menschen oft für den Rest ihres Lebens mit  solchen Medikamenten in ihren Empfindungen und Bewegungen gelähmt werden, ist das ein Verstoß gegen elementare Grundrechte.  Diese Form der Sicherungsverwahrung muss verboten werden.

Angehörige  entscheiden sich für eine Heimunterbringung  in der Vorstellung,  dass dort auch nachts eine individuelle Betreuung gewährleistet ist.  So wird es schließlich versprochen und bei den Pflegesätzen müsste das ja wohl auch drin sein, denken sie.   Wenn jedoch  beispielsweise nur eine Pflegekraft nachts  für 50  Bewohner eingesetzt wird, muss davon ausgegangen werden, dass  unruhige  Bewohner in der Einrichtung medikamentös  zur Ruhe gebracht werden.

Wer als pflegender Angehöriger nachts Ruhe habe will, kann das auch zu Hause mit der entsprechenden Medikation erreichen.

Worauf Sie als Angehöriger/Betreuer  achten sollten

  1. Fragen Sie nach der Besetzung des Nachtdienstes  und dem Umgang mit unruhigen Bewohnern im Heim.
  2. Wenn Ihnen wichtig ist, dass keine Medikamente eingesetzt werden, um die Nachtruhe zu erzwingen, sollten Sie sich das schriftlich zusichern lassen.
  3. Achten Sie auf typische Nebenwirkungen von Medikamenten die oft auch ohne das Wissen von Angehörigen (bei Bedarf) verabreicht werden: Gangunsicherheit ,  Schläfrigkeit tagsüber,  Teilnahmslosigkeit bis  hin zur Starrheit , undeutliches/unverständliches  Sprechen,  Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten, trockener Mund, auffällige Zungenbewegung ,  sowie andere Verhaltensauffälligkeiten.
  4. Teilen Sie ggf. den verantwortlichen Fachkräfte sowie dem  behandelnden Arzt ihre Beobachtung mit und versuchen Sie frühzeitig eine Klärung herbeizuführen.

4 Kommentare

  1. Auch ich kann berichten, wie es im Pflegeheim meines Mannes nächtlichst zuging.

    Er stand gegen 23.00 auf und lief im Aufenthaltsraum umher, dort standen Gläser wohl auf dem Tisch, die er runtergezogen hat. Dann lief er stundenlang durch die Glasscherben mit nackten Füßen. Keiner bemerkte von den Nachtwachen etwas. Sie waren zu zweit auf 5 Etagen unterweg für 120 Heimbewohner!!!! Nachdem diese meinen Mann, der überall Blutspuren hinterlassen hat (die schon eingetrockene waren) entdenkt hatte, rief man mich an. Ich habe mich dann um ihn gekümmert und alles sauber gemacht. Denn die beiden Pflegerinnen waren hoffnungslos überfordert.

    Das Blut war schon angetrocknet und es sah aus im Raum, wie wenn ein Tier geschlachtet worden wäre!!Alles voller Blut!!
    Ich

  2. Ich arbeite selbst im Pflegeheim, auch oft im Nachtdienst. Wir arbeiten im Tag- und im Nachtdienst völlig unterbesetzt. Nachts versorgen 3 Pflegekräfte 180 Bewohner. Auch ich kenne solche Situationen wie oben bereits beschrieben, man ist nicht immer schnell genug zur Stelle. Doch unseren Heimleiter, der mehrfach auf die Unterbesetzung aufmerksam gemacht wurde, interessiert das nicht. Er ist der Meinung es geht auch so!…. muss denn erst etwas passieren, ein Menschenleben stark gefährdet werden bis mal was passiert??? Altenpflegerin war immer mein Traumberuf, mittlerweile ist er es nicht mehr.

  3. Hallo Cindy,

    was Sie schreiben ist an Ungeheuerlichkeit kaum mehr überbietbar!
    Wie können Sie und Ihre Kolleginnen/Kollegen auch nur einem einzigen Menschen der zu Betreuenden gerecht werden? Haben Sie schon Überlastungsanzeigen geschrieben? Tun Sie es, bevor Sie für – ja wohl über kurz oder lang vorprogrammierte – Situationen mit rechtlicher Konsequenz zur Rechenschaft gezogen werden, bevor einem Bewohner etwas passiert was Sie dann ein Leben lang verfolgt, obwohl Sie daran keine wirkliche Schuld tragen. Stehen Sie auf, kämpfen Sie gemeinsam mit ALLEN im Nachtdienst Tätigen gegen derart unzulässige Abfertigung von MENSCHEN während der Nacht! Es ändert nichts an der Situation, wenn auf hohem Niveau gejammert wird, aber niemand den Mut hat dagegen auch aufzustehen!
    Dieser Appell gilt für ALLE PFLEGENDEN!
    Der Pflege-Sektor weißt ein ungeheures Potential an Macht auf, wenn sich die Pflegekräfte dessen auch endlich bewusst werden!
    Kein leichter – aber ein durchaus gangbarer Weg um die eigene Selbstachtung nicht zu verlieren und der nötigen Pflege/Betreuung der hilflosesten Menschen zumindest annähernd gerecht zu werden!
    Fassen Sie Mut!!!

  4. FASSEN SIE MUT ist leicht gesagt. Es wird niemals so sein, dass alle Kollegen mitziehen, es gibt immer die, die den Weg des geringsten Widerstands gehen.
    In unserem Heim, in dem ich als Dauernachtwache arbeite, kommen eine Pflegefachkraft und zwei Pflegehelfer auf 122 Pflegebedürftige in zwei über eine Terrasse verbundenen Häusern auf insgesamt6 Stationen, dazu 30 Personen im so genannten betreuten Wohnen, für die wir im Ernstfall auch zuständig sind. Bisher ist nichts passiert, wer weiß, wie lange das noch gut geht. Der Tagdienst ist auch nicht viel besser besetzt, alle Kollegen sind fast am Rande ihrer Belastungsgrenze. Die Leitung versucht ihr Bestes, aber vernünftiges Pflegepersonal ist schwer zu bekommen…….

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