Bedingungen und Abläufe im Nachtdienst

Die wenigsten Menschen können sich vorstellen unter welchen Bedingungen  in der Altenpflege gearbeitet wird.  Nach wie vor überwiegt in den Heimen das klassiche 3-Schicht-System: Frühdienst, Spätdienst, Nachtdienst. Vollzeitmitarbeiter im Tagdienst arbeiten in der Regel 12 Tage am Stück, je 7 Stunden, bevor sie  zusammenhängend 2-3 Tage frei haben.  Für Frauen mit Familie ist das besonders hart, weshalb viele von vorne herein nur eine Teilzeitstelle wünschen, um nicht ganz ausgelaugt zu werden.

Die Nachtdienste sind häufig  im 7 Tage-Block geplant. Nach 7 Nachtdiensten, je 10 Stunden,  sind 7 Tage frei.  Das ist eine positive Bedingung, die die Nachtdienststellen insgesamt interessant macht.  Manch eine Pflegekraft aus dem Tagdienst würde alleine deshalb lieber im Nachtdienst arbeiten, weil sie dann tagsüber viel besser planen kann, außerdem mehr Tage am Stück frei hat und die Nachtdienste überdies etwas besser bezahlt werden.  Aus diesem Grunde haben  letztlich 5 von 7 Nachtwachen  der BRK-Einrichtung ihren ursprünglichen Protest gegen die Reduzierung der Nachtdienstbesetzung,  zurückgezogen.  Sie wollten oder konnten aus familiären Gründen nicht im Tagdienst arbeiten und nahmen die zusätzlichen Belastungen während der unterbesetzten Nächte in Kauf.  Dies dürfte ein Hauptgrund für die bundesweit klaglose Hinnahme von Kürzungen im Nachtdienst sein.  Das Nachtwachen protestieren und die Verantwortung  bei der üblichen Personalunterbesetzung ablehnen, kommt viel zu selten vor. Normalerweise können sich Arbeitgeber, wie im gezeigten Falle, darauf verlassen, dass die Mitarbeiter des Nachtdienstes die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen.  Sie dokumentieren zum Beispiel  Maßnahmen, die gemacht werden sollten, auch wenn sie nicht gemacht werden konnten.  Ihr Arbeitgeber kann sich darauf verlassen,  dass  Ereignisse bei denen Bewohner Nachts zu schaden kamen,  so dokumentiert werden, dass die Einrichtung schadlos bleibt.  Zeugen gibt es selten, weil der Nachtdienst alleine auf weiter Flur unterwegs ist und die anderen Bewohner, entweder geschlafen haben, oder dement sind.

Im Unterschied zu den Anfängen der Altenheimpflege, sind die heutigen Heimbewohner zu 95 Prozent auf Hilfe angewiesen. Sie sind überwiegend desorientiert und haben komplexe Krankheitsbilder – bis hin zur Intensivbehandlungsbedürftigkeit.  An die Pflege werden entsprechend höhere Ansprüche gestellt.  Außerdem haben Pflegekräfte heute eine Menge von Bestimmungen zu erfüllen, die für sich genommen bereits einen Großteil ihrer Arbeitszeit  beansprucht.  Auch nachts wird erwartet, dass sie alle Maßnahmen und Ereignisse dokumentieren.  Die vollständige Dokumentation wird von den Leitungskräften oft sogar wichtiger genommen als die Pflege selbst. Denn was nicht geschrieben steht, gilt als nicht gemacht. Also wird alles abgezeichnet was gemacht werden sollte, auch wenn es nicht gemacht werden konnte.

Wer wissen will, was heute von Pflegekräften im Nachtdienst erwartet wird, lese diese  Stellenbeschreibung

Nachdem Sie diese gelesen haben, stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie sind alleine in einer Einrichtung für 50 pflegebedürftige alte Menschen verantwortlich  und sollen all diese Aufgaben erfüllen.  Kein Mensch kann sich das vorstellen, geschweige denn leisten.  Nicht einmal wenn es nur 30 Bewohner sind und eine ruhige Nacht, ist das alles vorschriftsmäßig zu schaffen.  Dennoch liegt die durchschnittliche Nachtdienstbesetzung (Fachkräfte/Hilfskräfte) bundesweit bei schätzungsweise  1: 50, Tendenz steigend.

Um Ihnen einen Eindruck zu geben, wie es tatsächlich zugeht, sei  dieser Bericht einer Altenpflegerin empfohlen, nachzulesen auf der Seite des Deutschen Berufsverbandes für Altenpflege, www.dbva.de/bericht (Frühdienst – Spätdienst – Nachtdienst).   Der Vorstand des DBVA hat uns nicht nur erlaubt, diesen Bericht zu verlinken,  sie unterstützen ausdrücklich das Anliegen dieser Sonderseite  zum  Nachtdienst.

Oder schauen Sie sich diese Berichte besorgter Pflegekräfte an.  Erschreckend auch diese Aufzeichnung eines  Hilfegesuchs in der Sendung Damian.  Solche Informationen will niemand wirklich sehen.  Die Verantwortlichen lassen sich lieber blenden. Bei den Heimkontrollen hat ein nicht vorschriftsmäßig angebrachter Haltegriff oft größeres Gewicht.  Angehörige oder Pflegekräfte, die sich wegen eines unerträglichen Personalmangels  an die Heimaufsicht wenden,  erhalten regelmäßig zur Antwort, dass die vorgegeben Personalzahlen eingehalten würden, weshalb man leider nichts tun könne.  Beschwerden beim  MDK  laufen genauso  ins Leere.   Was will diese Kontrollinstanz auch gegen Einrichtungen unternehmen, denen sie zuvor Bestnoten ausgestellt hat?   Wer diese Realität nicht einfach hinnehmen will, wendet sich schließlich an den Pflege-SHV oder andere Selbsthilfegruppe und Initiativen.

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